Kindergeschichten

Hanni Hummel und der Turn-Tiger-Mut

An einem goldenen Herbstnachmittag raschelten die Blätter im Wunderwald. Raschel, raschel, wusch. Auf der Mondlichtwiese lagen rote, gelbe und orange Blätter wie kleine weiche Teppiche.

Hanni Hummel summte fröhlich durch die Luft. „Summ-summ, heute ist mir nach Hüpfen! Und nach Fliegen! Und nach… noch mehr Hüpfen!“

Mimi Maus kam flink aus dem Laub getrippelt. „Ich habe etwas entdeckt! Ein Baumstamm liegt quer über der Wiese. Der sieht aus wie ein Balancierbalken.“

Da bekam Balduin Biber glänzende Augen. „Dann bauen wir einen Turnplatz! Einen Wunderwald-Turnplatz!“
Klopf, klopf, knacks. Schon legte er Moospolster aus, stellte Kastanien in eine Reihe und band ein dickes Seil an einen niedrigen Ast.

Leni Lama machte sofort einen Hopser. „Ich bin ein Turn-Lama! Achtung, elegant!“
Sie hob ein Bein, wackelte, machte „hops“ und landete mit der Nase im Laub. Plumps.
Alle kicherten. Leni Lama auch.

Juli Käferchen setzte sich auf einen Pilz und sang ein kleines Lied dazu. „Wir sind die Turn-Tierchen, stark und froh, hüpfen klein und manchmal groß.“
„Turn-Tierchen gefällt mir“, sagte Paula Panda sanft.

Dann durften alle ausprobieren. Mimi Maus rannte um die Kastanien. Trippel, trippel, schwupp. Iggi Igel rollte vorsichtig einen Reifen aus Weidenzweigen. Flupp, flupp, kuller. Freddy Frosch hüpfte über drei Moospolster. Hops, hops, plumps.

Nur Hanni Hummel blieb plötzlich vor dem Baumstamm stehen.

Eigentlich war sie mutig. Sehr mutig sogar. Aber der Stamm sah heute ein bisschen wackelig aus. Und darunter lag so viel Laub, dass sie den Boden kaum sehen konnte.

„Ich glaube, ich fliege lieber drüber“, murmelte sie.

Paula Panda setzte sich neben sie. „Manchmal ist Mut nicht, dass man alles sofort kann. Manchmal ist Mut ein erster kleiner Schritt.“

Oskar Eule nickte von seinem Ast. „Oder ein erster kleiner Summ.“

Hanni Hummel musste lächeln. „Ein Mut-Summ?“

„Genau“, sagte Juli Käferchen. „Ein Hummel-Mut-Summ!“

Da summten alle leise mit. „Summ, summ, du schaffst ein Stück. Summ, summ, und dann zurück.“

Balduin Biber prüfte noch einmal den Baumstamm. „Ganz fest“, sagte er. „Und darunter ist weiches Moos.“

Iggi Igel stellte sich ans Ende. „Ich warte hier.“

Leni Lama hielt ein großes Ahornblatt hoch. „Falls du besonders elegant landen möchtest.“

Da lachte Hanni Hummel. Das Lachen machte ihr Herz ein bisschen leichter.

Sie setzte ein kleines Hummelfüßchen auf den Stamm. Dann noch eins. Wackel. Summ. Wackel. Summ.

„Ich bin ein Turn-Tierchen“, flüsterte sie. „Ein ganz kleines, mutiges Turn-Tierchen.“

Schritt für Schritt ging sie über den Stamm. Nicht schnell. Nicht hoch. Nicht perfekt. Aber ganz allein.

Am Ende flog sie ein winziges Stück in die Luft und landete weich im Moos. Plumps.

Alle jubelten leise, damit die Abendruhe im Wunderwald blieb.

Die Sonne sank langsam hinter die alten Bäume. Goldene Streifen lagen auf der Mondlichtwiese. Hanni Hummel kuschelte sich zufrieden zwischen ihre Freunde.

„Heute war ich kein großer Tiger“, sagte sie müde. „Aber ich hatte Hummelmut.“

Oskar Eule lächelte. „Hummelmut ist eine besonders schöne Sorte Mut.“

Und während die Blätter leise raschelten, summte Hanni Hummel noch einmal ganz sanft ihr Mut-Summ-Lied. Summ, summ. Der Wunderwald wurde still und warm. Und alle Turn-Tierchen sagten leise gute Nacht.